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Neues aus Ägypten und vom Roten Meer (Dezember 2008)

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Die Rettung der Schildkröte ‚Dave’

von Moira Tune

Dies ist die unglaubliche Geschichte von Dave, einer ‚Echten Karettschildkröte’, ihrem Kampf mit dem Tod und wie sie sich mit Hilfe der Sharmer Gemeinschaft von ihren Verletzungen erholen konnte und zu ihrem Leben im Meer zurückfand.

Jeder Taucher, der bereits das Shark Reef oder Yolanda Reef besuchte, ist Dave vermutlich schon einmal begegnet. Sie ist recht leicht zu erkennen aufgrund alter Verletzungen am hinteren Teil des Panzers. Offenbar hatte Dave kein Glück mit Bootspropellern, doch diese alte Verletzung steht in keinem Vergleich zu dem nächsten Zusammenprall, dem ihr Panzer mit Metall ausgesetzt wurde.

Sinai Divers entdeckten Dave während eines Strömungstauchgangs am Shark Reef und Yolanda Reef. Sie lag auf dem Meeresgrund; ihr Panzer war im oberen Teil aufgeplatzt. Die Wucht eines Propellers hat den Panzer gespalten und einen tiefen Schnitt im Fleisch hinterlassen. Ohne zu wissen, ob Dave schwimmen und, was viel wichtiger ist, ob sie an die Oberfläche zum Atmen gelangen konnte, gab es keinen Zweifel darüber, was mit ihr zu tun sei: die Taucher brachten sie vorsichtig an die Oberfläche und auf das Tauchboot. Die Rangers vom Nationalpark Ras Mohammed wurden sofort informiert und es begann die abenteuerliche Rettungsaktion von Dave.

Dave brachte die Jungs vom Nationalpark in Verlegenheit, denn nie zuvor hatten sie eine verwundete Schildkröte behandeln müssen. Nach eingehender Beratung wurde beschlossen, Dave zum Dolphinella (ein Delfinarium) zu bringen, wo ein ortsansässiger Tierarzt vielleicht zu helfen wüsste. Und so fand sich Dave nach ihrem Dasein in den kristallklaren Gewässern des Shark Reef in einem ‚Kinderpool’ wieder. Dies mag sich haarsträubend anhören, aber warten Sie ab. Trotz begrenztem Wissen über Schildkrötenbehandlung galt es zunächst, die Wunde zu reinigen und zu schließen. Darüber hinaus wurde befürchtet, dass Dave ertrinken könne (aufgrund Schwäche und der Unfähigkeit, den Kopf zu heben). Die Mitarbeiter des Dolphinella kümmerten sich und taten ihr Bestes, doch aufgrund der mangelnden Kenntnisse über ‚Echte Karettschildkröten’ fütterten sie Dave irrtümlicherweise ausschließlich mit Seegras, was nicht die effektivste Kost gewesen sein dürfte – bedenkt man den Zustand, in dem sie sich befand.

Der Kinderpool sollte mitnichten Daves Schicksal werden. Ihre Wunden missachtend und zum Trotz der neuen Umgebung zerbrach Dave den Pool, nicht ahnend, sich damit vom Regen in die Traufe zu begeben. Daves neuer Bestimmungsort war ein aufblasbares Kinderboot, das bis auf Panzerhöhe mit Wasser gefüllt wurde. So blieb die Wunde zwar im Trockenen, doch war Dave nun auch ohne Kühlung der Mittagshitze ausgesetzt.

Innerhalb weniger Tage ist Dave ihrem sicheren Tod entronnen, wurde auf ein Tauchboot gebracht, weiter zum Büro des Nationalparks Ras Mohammed und zu einem Kinderpool befördert, dann in ein Gummiboot und zu guter Letzt in einen etwas größeren Pool verlegt, wo sie unglücklicherweise noch immer dem gleichen Problem der zu starken Sonnenstrahlen während des Tages ausgesetzt war. Wochen vergingen und aufgrund des mangelnden Wissens über angemessene Behandlungsmethoden begann sich Daves Zustand zu verschlechtern. Die Wassertemperatur im Pool fiel während den Nächten auf 11 Grad. Erst später wurde festgestellt, dass diese Temperaturen viel zu kalt für Dave waren und mit Sicherheit nicht zur Genesung beitrugen. Dave wollte zudem nicht fressen.

Frl. Eman Aly, Zoologin und Umweltforscherin der Sinai Protectorates Wildlife Unit, erlag der Verzweiflung, denn Dave wurde schwächer und niemand wusste zu helfen. Sie unternahm einen letzten Versuch und entschied, Dr. Ahmed von der Dekompressionskammer zu kontaktieren, der hoffentlich jemanden empfehlen könne oder wüsste, was zu tun sei.

Man kann sich beruhigt auf die gute alte und funktionierende Sharmer Mundpropaganda verlassen… in nur wenigen Stunden nahm Dr. Ahmed Kontakt mit James Tunney auf, der im gleichen Block wie Patrick Olbrechis lebt, einem sehr bekannten ortsansässigen europäischen Tierarzt. Es ging die Nachricht um, dass Dave zweifellos sterben würde und so begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Patrick, ein ehrenamtlicher Berater der Egypt Desert Organisation und verantwortlich für die wilde Tierwelt in der umliegenden Natur, erklärte sich einverstanden, einen Blick auf Dave zu werfen. Er besuchte Dave an ihrem Pool und bestätigte die marode Verfassung. Eine intensive Internet-Recherche wurde gestartet. Das Team nahm Kontakt zu Project AWARE, Marine Connection und verschiedenen anderen Organisationen auf, die wiederum Verbindung zu Fachärzten im Bereich der Rehabilitierung von Schildkröten schafften. Nun konnte sich Patrick eine angemessene Behandlung erörtern lassen und endgültig ein Genesungsprogramm für Dave ausarbeiten.

Endlich durfte man hoffen, dass Daves grässlicher Zustand bald Besserung annehmen würde. Auf Anraten der Experten unternahm die Schildkröte einen Ausflug zum Sharm Medical Centre, um sich einer Röntgenaufnahme und Bluttests zu unterziehen. Aufgrund der niedrigen Temperaturbedingungen im Pool wurde beschlossen, den Genesungsprozess durch eine Rückkehr in ihre natürliche Umgebung, wo die Temperatur durchschnittlich 23 Grad Celsius beträgt, zu beschleunigen.

Am 23. Januar wurde Dave in seinem ‚Zuhause’, dem Kinder-Gummiboot, auf der Ladefläche eines Kleinlastwagens des Nationalparks nach Marsa Bareika transportiert. In Begleitung eines Gefolges, das einem König würdig gewesen wäre, erntete Dave fassungslose Blicke von den Beamten am Checkpoint – ich schätze, ihnen begegnet nicht jeden Tag eine Schildkröte als Beifahrer. Bei der Ankunft war offensichtlich, dass das errichtete Gehege keinen adäquaten Schutz für Dave abgeben würde, aber wie dem auch sei… noch war nichts verloren und es wurde entschieden, Dave erstmals wieder schwimmen zu lassen.

Zu diesem Zeitpunkt war Dave extrem abgemagert – würde sie in diesem schwachen Zustand kräftig genug sein, ihren Kopf oben zu halten und atmen zu können? In großer Erwartung schaute das Team zu, als Dave zu Wasser gelassen wurde. Innerhalb von Sekunden stellte sich Daves Überlebensinstinkt ein. Sie hob den Kopf zum Atmen, wendete sich dem offenen Meer zu und begann zu tauchen. Doch Dave war noch nicht bereit für das offene Meer. Eine Leine um ihren Panzer hinderte sie, ganz und gar davon zu schwimmen und es bereitete uns großes Vergnügen, als wir die Bucht auf und ab spazierten und dabei die Schildkröte ‚Gassi führten’. Dave war glücklich und ich bin sicher, ein Zwinkern in ihrem Auge gesehen zu haben. Leider musste sie noch mal für ein paar Tage zurück ins Dolphinella, bis eine neue Umzäunung gebaut sein würde.

Unter der Mithilfe von Frl. Aly, dem Nationalpark und einer Busladung voll enthusiastischer Mitarbeiter des Red Sea Diving College wurde in kürzester Zeit ein neues Gehege errichtet. Es war ein gutes Teamwork und alle arbeiteten auf ein Ziel hin: Dave schnellstmöglich freilassen zu können, vollkommen gesund und fit. Die Tauchlehrer machten einen Checkdive mit Dave und bestätigten, dass sie ihre Tarierung hervorragend beherrsche. Es war eine Zitterpartie, als sie nach einem Atemzug auf 3 Meter abtauchte und dort für ganze 30 Minuten verweilte, bevor sie wieder an die Oberfläche schwebte, um Luft zu nehmen. Während der nächsten Tage verbesserte sich Daves Zustand zusehends. Das Red Sea Diving College und die Mitarbeiter des Nationalparks beobachteten sie weiterhin in ihrer Umzäunung und dokumentierten die Genesung. Dennoch wollte Dave immer noch nichts fressen und es wurde beschlossen, sie zum Fressen zu zwingen – ein schwierige Aufgabe, die äußerst viel Feingefühl verlangte. Daves kompetente Internet-Freunde empfohlen einen 45 Grad Fischhaken, zerkleinerten Tintenfisch und Fisch als Futter. Schon bald fraß Dave aus der Hand – mit Vorliebe Schrimps, ihre Lieblingsmahlzeit.

Eine letzte Hürde war zu überwinden, bevor Dave wieder in die Freiheit zurückkehren konnte: ihr gespaltener Panzer. Auf Rat von Experten aus der ganzen Welt wurde ein Gipsabdruck von ihrem Panzerrand genommen. Anhand dieses Abdrucks konnte eine Kopie aus Fiberglas angefertigt und über dem Spalt mit einem speziellen salzresistenten Kleber befestigt werden. Daves Panzer würde wachsen und letztendlich das Fiberglas-Pflaster abstoßen.

Am 3. Februar endlich war Dave bereit für die Freiheit. Am Ufer des Shark Observatory wurde sie im Rahmen einer großen Abschiedsfeier zurück ins Meer gelassen. Es war ein wunderschöner Anblick, sie nach all diesen langen und schwierigen Erfahrungen über die Riffkante ins Blaue hinaus schwimmen zu sehen. James Tunney begleitete sie, um ihre Rückkehr zu beobachten. Sie tauchte diverse Male zum Atmen auf, bevor sie sich drehte und direkt auf James’ Kamera zusteuerte, als wenn sie sich verabschieden wollte, um anschließend in Richtung Shark Reef davon zu schwimmen.

Daves Geschichte ist eine Würdigung an die tatkräftige Gemeinschaft in Sharm. Ich bin sicher, dass Dave jeder Person dankt, die an ihrer Rettung beteiligt war: den Leuten von Sinai Divers, die sie aufgelesen haben, den Mitarbeitern von Dolphinella, die ihr Bestes gegeben haben, Patrick und James, die den Ball ins Rollen brachten, den Internet-Experten und dem großartigen Teamgeist vom Red Sea Diving College und den Mitarbeitern des Nationalparks, die alle Daves vollkommener Genesung viele Stunden ihrer Zeit widmeten.

Die Verletzungen von Dave, der Schildkröte
Dave unterzieht sich Röntgenaufnahmen und anderen Tests im Medical Centre
Dave's erster beaufsichtigter Schwimmversuch
Dave's erster beaufsichtigter Schwimmversuch
Dave's neuer Schildkröten-Panzer wird angefertigt
Dave, die Schildkröte, kehrt nach ihrer Behandlung ins Meer zurück
Das Team, das Dave's Genesung beaufsichtigte

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